Ein CASINO im Innenstadtpark Ruhranlage ?

 
Immer wieder lädt der Mülheimer Innenstadtpark "Ruhranlage"  zu einem großen Open-Air-Ereignis  ein. Dabei staunen die Besucherströme am Eingang des Parks "Delle 57" über ein großes historisches Bauwerk mit der Inschrift "CASINIO".


Die Gesellschaft CASINO Mülheim an der Ruhr e.V. – damals gegründet als bürgerliches Gegengewicht zum Adel - eine Zusammenfassung zur Orientierung 

Inschrift über dem Eingang "CASINO" mit dem "Logo" der Bürgergesellschaft - einer Laute.

Die "Laute" - Symbol für innere Harmonie und Ausgeglichenheit sowie Kreativität.

Foto: Bernd Pirschtat


Die Gesellschaft CASINO Mülheim an der Ruhr gilt als die älteste Bürgergesellschaft der Ruhrtalstadt und gehört zu den traditionsreichsten ihrer Art in Deutschland. Ihre Anfänge reichen bis ins Jahr 1792 zurück – eine Zeit, in der Europa unter dem Einfluss der Aufklärung und der Französischen Revolution tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen unterlag. In diesem Umfeld entstand die Gesellschaft als Ausdruck eines sich formierenden selbstbewussten Bürgertums, das eigene soziale, kulturelle und politische Räume jenseits der aristokratischen Ordnung schuf.


Historischer Hintergrund

Im späten 18. Jahrhundert war die gesellschaftliche Ordnung noch stark vom Adel geprägt, der über exklusive Privilegien, politische Macht und kulturelle Vorherrschaft verfügte. Bürgerliche Mitbestimmung war kaum vorgesehen, und der Zugang zu Bildung, Einfluss und gesellschaftlicher Teilhabe war für weite Teile der Bevölkerung stark eingeschränkt. Doch mit dem Erstarken des Handels, des frühen Industrieunternehmertums und der Idee der Aufklärung gewann das Bürgertum zunehmend an Bedeutung.

Bild oben: Blick aus dem Vorbau CASINO auf das rosa getünchte "Haus des Mülheimer Kunstvereins KKRR" erbaut auf den restlichen Außenmauern der Villa Nedelmann

Mülheim an der Ruhr war zu dieser Zeit ein aufstrebender Ort, getragen von Handel, Schifffahrt und beginnender Industrialisierung. Kaufleute, Unternehmer und gebildete Bürger begannen, sich von den tradierten Strukturen zu emanzipieren. In diesem Kontext entstand die Idee, eine eigene Gesellschaft zu gründen – als Treffpunkt, Netzwerk und kulturelles Forum für die städtische Elite jenseits adliger Salons.

Gründung und Entwicklung

Zwar ist die genaue Gründung der Gesellschaft nicht eindeutig dokumentiert, doch ein Rückblick auf eine Festschrift von 1892 legt nahe, dass das Jahr 1792 als tatsächlicher Gründungszeitpunkt anzusehen ist. Die älteste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1816, als die Mitglieder ein Gebäude in der Ruhrstraße 26 erwarben – später folge das noch heute im Innenstadtpark „Ruhranlage“ existierende Stammhaus der Gesellschaft, das der Verein aus Eigenmitteln 1842 erbauen ließ.

Das Logo der Bürgergesellschaft entwickelte der Designer Klaus Wiesel aus dem Stuck über dem Eingang des Stammhauses der Mülheimer Casinogesellschaft (Auf dem Dudel / Delle 57 - vormals Luisenstr. 1)

Die Gesellschaft CASINO verstand sich von Anfang an nicht als Ort des Glücksspiels, wie der Begriff „Casino“ heute oft nahelegt, sondern als „gesellschaftlicher Verein“, der Bildung, Diskurs, Kunst und gepflegte Geselligkeit in den Mittelpunkt stellte. Damit war sie ein bürgerliches Gegenmodell zur feudalen Welt des Adels: demokratisch organisiert, getragen von Verdiensten, Leistung und intellektuellem Austausch, statt von Geburt und Stand.
Im Jahr 1842 erhielt die Gesellschaft durch König Friedrich Wilhelm IV. die offiziellen Rechte einer juristischen Person („Korporation“), was ihre institutionelle Bedeutung weiter stärkte.

Kulturelle Bedeutung und Kontinuität

Über zwei Jahrhunderte hinweg spielte die Gesellschaft eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben Mülheims. Sie war ein Ort, an dem kulturelle Veranstaltungen, wissenschaftliche Vorträge, Konzerte und Diskussionen stattfanden – lange bevor es kommunale Kulturzentren oder Museen gab. Als eine Art „bürgerliches Wohnzimmer“ war sie zugleich exklusiv und offen: exklusiv im Sinne der Mitgliedschaft, offen im Sinne ihrer Wirkung auf die Stadtgesellschaft.
Auch in schwierigen Zeiten – etwa während der Weltkriege und politischer Umbrüche – bewahrte die Gesellschaft ihren Charakter als Ort des bürgerlichen Selbstverständnisses – auch als sie im Zuge der Naziherrschaft ihr Gebäude verlor. In der Nachkriegszeit und bis heute steht sie für gelebte Tradition, aber auch für zeitgemäße Formen des gesellschaftlichen Engagements und kulturellen Dialogs.

Ruhrstraße / Ecke Delle - links das CASINO - Stammhaus - rechts die Villa Artis (einst auch Stammhaus der Tengelmann-Gründerfamilie Schmitz-Scholl - heute Kulturzentrum mit dem privatem Kunstmuseum MMKM und der Ruhr Gallery Mülheim.

Die Gesellschaft heute – und ein Aufruf zur Mitwirkung

Die Gesellschaft CASINO e.V. ist heute eine satzungsgebundene Einrichtung, die ihre über 230-jährige Geschichte mit einem modernen Selbstverständnis verbindet. Sie veranstaltet regelmäßig Lesungen, Vorträge, und Exkursionen. Die Pflege von Freundschaften, kulturellem Austausch und bürgerlicher Verantwortung prägt weiterhin ihr Profil mit aktuell um 100 Mitgliedern.
Wer Interesse an anspruchsvoller Geselligkeit, lebendigem Austausch und traditionsreicher Kulturpflege haben, kann sich bewerben mitzuwirken. Neue Persönlichkeiten mit Offenheit, Interesse und Engagement sind in der Gesellschaft CASINO herzlich willkommen und werden Teil einer außergewöhnlichen Gemeinschaft, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.


Blick in den ehemaligen Ballsaal i  CASINO-Gebäude der Ruhrtalstadt Mülheim - hier Alterspräsident Heinz Jantzen bei einer Ansprache während einer ordentlichen Mitgliederversammlung (Foto: Aliv Franz)

The "CASINO MÜLHEIM" 

- North Rhine Westphalia, Germany

 
The Society CASINO Mülheim an der Ruhr e.V. – Founded as a Civic Counterbalance to the Aristocracy
 The Society CASINO Mülheim an der Ruhr is considered the oldest civic society in the Ruhr Valley city and ranks among the most traditional of its kind in Germany. Its origins date back to the year 1792 – a time when Europe, under the influence of the Enlightenment and the French Revolution, was undergoing profound societal change. In this context, the Society emerged as an expression of a newly self-confident bourgeoisie that sought to create its own social, cultural, and political spaces beyond the constraints of aristocratic order.
Historical Background
In the late 18th century, social structures were still strongly dominated by the aristocracy, which held exclusive privileges, political power, and cultural hegemony. Civic participation was virtually nonexistent, and access to education, influence, and societal involvement was severely limited for much of the population. However, with the rise of trade, early industrial entrepreneurship, and the ideas of the Enlightenment, the bourgeoisie steadily gained influence.
At that time, Mülheim an der Ruhr was an emerging town, driven by commerce, shipping, and the early stages of industrialization. Merchants, entrepreneurs, and educated citizens began to break away from traditional structures. It was in this context that the idea arose to found a society – as a meeting place, network, and cultural forum for the city’s elite, independent of aristocratic salons.
Founding and Development
Although the exact founding date is not clearly documented, a commemorative publication from 1892 suggests that the year 1792 can be considered the true beginning of the Society. The oldest official record dates back to 1816, when the members acquired a building on Ruhrstraße 26. Later, the Society established its still-existing headquarters in the central park "Ruhranlage," a building constructed with its own funds in 1842.
From the beginning, the Society CASINO did not see itself as a place of gambling – as the term “casino” might imply today – but as a social association focused on education, discourse, the arts, and refined conviviality. It represented a bourgeois alternative to the feudal world of the nobility: democratically organized, based on merit, achievement, and intellectual exchange – rather than birth and status.
In 1842, the Society was officially granted the rights of a legal entity ("corporation") by King Friedrich Wilhelm IV, further strengthening its institutional significance.
Cultural Importance and Continuity
For over two centuries, the Society has played a central role in the social life of Mülheim. It has been a venue for cultural events, scientific lectures, concerts, and debates – long before the existence of municipal cultural centers or museums. As a kind of “bourgeois living room,” it was both exclusive and inclusive: exclusive in terms of membership, yet open in its influence on the city’s cultural fabric.
Even in difficult times – during world wars and political upheaval – the Society preserved its character as a place of civic identity, even after losing its building under the Nazi regime. In the post-war period and up to the present day, it has stood for lived tradition as well as contemporary forms of civic engagement and cultural dialogue.
The Society Today – A Call for Participation
Today, the Society CASINO e.V. is a statute-based organization that combines its 230-year history with a modern outlook. It regularly hosts readings, lectures, and excursions. The cultivation of friendships, cultural exchange, and civic responsibility continues to shape its character, with around 100 current members.
If you are interested in refined social interaction, lively exchange, and the preservation of cultural tradition, we warmly invite you to get involved.
New individuals who bring openness, curiosity, and commitment are always welcome in the Society CASINO – and will become part of an extraordinary community that unites past, present, and future. 


Vis a vis - das rosa Haus vom Mülheimer Kunstverein und Kunstförderverein Rhein-Ruhr - Kulturort seit der "Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010" - mit Kunstmuseum MMKM und Ruhr Gallery.